
Kürzlich erzählte mir ein Bekannter – Redakteur bei einem großen Medienhaus in NRW – die folgende Anekdote: Ein Praktikant hatte in der Redaktion neu angefangen. Wie üblich bekam er für die Dauer des Praktikums vom Verlag die EDV-Hardware zur Verfügung gestellt, also Laptop, Monitor usw. Sein Kommentar dazu:
„Spannend, mit so einem Gerät habe ich noch nie gearbeitet. Ich habe bisher alles mit meinem Smartphone bzw. Tablet gemacht.“
Das ist, wie ich finde, ein perfektes Beispiel für die „schöne neue Arbeitswelt“, auf die wir vorbereitet sein müssen, wenn die nächste Generation von Arbeitnehmenden in unsere Büros kommt. Die eine oder der andere hat sich vielleicht gerade erst an das Zusammenarbeiten mit der GenZ gewöhnt… und schon stehen die Vertreterinnen und Vertreter der Generation Alpha – also alle ab 2010 Geborenen – in den Startlöchern. Die ältesten von ihnen haben die ReNo-Ausbildung möglicherweise bereits begonnen bzw. fangen zum neuen Ausbildungsjahr an. Höchste Zeit also, diese Altersgruppe mal etwas genauer in den Blick zu nehmen!
Wer ist die „Generation Alpha“ eigentlich?
Wir erinnern uns: All diejenigen, die ab Anfang der 1990er-Jahre geboren sind – sogenannte Millenials –, sind mit dem Internet und mobilen Geräten aufgewachsen. Deswegen bezeichnet man diese Altersgruppe auch als „Digital Natives“. Überträgt man dies nun auf die Generation Alpha, könnte man von den „Digital Natives 2.0“ sprechen. Denn wer nach 2010 geboren ist, kennt keine analoge Welt mehr. Für diese Altersgruppe ist die digitale Orientierung so selbstverständlich wie das Atmen. Viele von ihnen konnten ein Tablet bedienen, bevor sie richtig sprechen konnten. Und als Ende 2022 mit der Einführung von ChatGPT die Künstliche Intelligenz Einzug auf unseren Endgeräten gehalten hat, ging die GenAlpha noch zur Schule.
Was bedeutet das nun für das gemeinsame Arbeiten in der Kanzlei? Ganz einfach: Ein stationärer PC mit Maus und Tastatur könnte für eine neue ReNo-Auszubildende tatsächlich erst einmal ein „exotisches“ Arbeitsgerät sein. Und KI ist für sie kein Trend, sondern ein fest integrierter Bestandteil ihres (Arbeits-)Alltags. Hinzu kommt: Die „Alphas“ kennen ihre Perspektiven auf dem Arbeits- bzw. Ausbildungsmarkt sehr gut und treten entsprechend selbstbewusst auf.
Die 5 Bs oder: Was die „Alphas“ vom Job erwarten
Um die jungen Talente nicht nur als Teammitglieder zu gewinnen, sondern sie auch langfristig zu motivieren und an die Kanzlei zu binden, sollten wir uns an den sogenannten „5 Bs“ orientieren. Der Bildungs- und Sozialisationsforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann hat diese „5 Bs“ für die junge Generation der Arbeitnehmenden identifiziert:
Bezahlung
Die GenAlpha wünscht sich eine faire und vor allem transparente Vergütung. Formulierungen in Stellenanzeigen wie „attraktive Ausbildungsvergütung“ schrecken sie eher ab. Sie verlangen Klartext – auch in Sachen Gehalt und Arbeitsanreize.
Betriebsklima
Ein hierarchiearmes Umfeld und ein Arbeiten „auf Augenhöhe“ sind essenziell. Viele bevorzugen ein kollegiales „Du“, da dies für sie Wertschätzung signalisiert. Junge Nachwuchskräfte wünschen sich eine möglichst angenehme Arbeitsatmosphäre, in der sie sich einbringen können und gemeinsam mit netten und zugewandten Kolleginnen ein schlagkräftiges Team bilden.
Bereicherung
Viele junge Menschen suchen in ihrer Arbeit einen Sinn. Sie streben nach individueller Erfüllung und möchten wissen, welchen Beitrag ihre Tätigkeit für die Gesellschaft leistet. Um die Sinnhaftigkeit des ReNo-Berufs zu verdeutlichen, solltet Ihr daher in der Kanzlei klar kommunizieren: Wofür stehen wir? Welchen Nutzen stiften unsere Dienstleistungen für die Gesellschaft? Wenn junge ReNos erkennen, dass sie Teil einer Institution sind, die Werte wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und menschliche Unterstützung vertritt, werden sie die Arbeit als zutiefst sinnvoll erleben.
Beziehung
Die „Alphas“ legen großen Wert auf eine enge, sensible Beziehung zu ihren Ausbildern und zum Team. Sie brauchen regelmäßiges, konstruktives Feedback und möchten als Individuum wahrgenommen werden.
Bedürfnisse
Mentale Gesundheit und eine deutliche Trennung von Beruf und Privatleben (sog. „Work-Life-Cut“) stehen ganz oben auf der Prioritätenliste der GenAlpha. Überstunden sind für sie nicht selbstverständlich, während Flexibilität bei Arbeitszeit und -ort fast schon vorausgesetzt wird.
3 Tipps für die Zusammenarbeit in der Kanzlei
Der Fachkräftemangel führt dazu, dass Kanzleien sich in vielen Fällen bei den Auszubildenden bewerben müssen, nicht umgekehrt. Hier sind einige Impulse, wie sich der Einstieg für junge Kolleginnen erleichtern lässt:
Technik-Check
Wenn eine Praktikantin oder ein Azubi bisher nur Touchscreens genutzt hat, plant bei der Einarbeitung genug Zeit für die Basics ein. Nutzt aber gleichzeitig auch deren digitale Kompetenz, um vielleicht veraltete Kanzleiprozesse mit neuen Tools effizienter zu gestalten.
Individualität statt Gießkanne
Da diese Generation mit personalisierten Inhalten (Netflix, TikTok etc.) aufgewachsen ist, erwartet sie auch im Job Individualisierung. Das kann bei kleinen Benefits wie einem Job-Ticket anfangen oder bei maßgeschneiderten Entwicklungsplänen aufhören.
Orientierung geben
Viele junge Menschen sind trotz ihrer digitalen Souveränität unsicher beim Berufseinstieg. Als Kollegin kannst Du hier wie eine Mentorin handeln, die Sicherheit gibt, anstatt nur Aufgaben zu delegieren.
Gemeinsam in die Zukunft
Ich habe hier im Blog ja bereits über die Herausforderungen in altersgemischten Teams und eine gelungene Azubi-Integration geschrieben. Die Generation Alpha verschärft viele dieser Trends lediglich. Wenn Ihr es in Eurer Kanzlei schafft, den Wissensschatz der erfahrenen ReNos mit der technologischen Begeisterung der „Alphas“ zu verknüpfen, gewinnen alle. Daher solltet Ihr Unterschiede nicht als Hindernis, sondern als Chance sehen, Eure Kanzlei fit für die Zukunft zu machen.